Lienhard. Editionen. Kalender. Kunst.Ostschweiz
Kunstkalender 2008Vera Marke
«Kalender machen», 2008 Videostills aus «Der Ausblick», 2007-2008, DVD, Video, Loop (endlos), 35:46:15 / Appenzeller Kalender 2008
Dank an: Ursula Badrutt, Andreas Baumberger, Monika Beerli, Patrick Duss, Adrian Gabathuler, Josef Gmünder, Regula Lienhard, Josef Scheuber, Brigitte Schönenberger
Kalender machen, 2008
Der allgemeine Blick Vera Marke malt Bilder. Dabei fokussiert sie den Blick auf das vordergründig nicht so Interessante, auf Alltägliches, Vernachlässigtes, Vergessenes. Rauchen, Schminken, Körperteile, Bücher, Stapel, Fensterausblicke sind Sujets, die wiederholt auftauchen. Oft nimmt die Malerei auch Dimensionen an, die den Gattungen Skulptur, Installation, Objekt, Fotografie, Video zugeordnet sind.
Vera Marke betreibt eine konzeptionell angelegte Malerei, eine Malerei, die nach vorgefassten Plänen entsteht, nach festgelegten Parametern sich entwickelt. Vergleichbar mit dem Kochen nach Rezepten kann die Exaktheit der Angaben durchaus zu unterschiedlichen Resultaten führen – ein Paradoxon, das die Aufmerksamkeit der Künstlerin inspirierend zu nutzen weiss. «Der Ausblick» Vera Marke putzt Fenster. Dabei interessiert sie sich für das Hintergründige: für den Ausblick im Laufe des Jahres, für die Kriterien, die zu Handlungsentscheidungen führen, für das Fensterputzen als einen Akt der Malerei, aber auch für die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen, für Terminplanung, Motivation und Umsetzungsverläufe.
«Der Ausblick» ist eine über die Dauer eines Jahres angelegte filmische Arbeit. Sie zeigt die Künstlerin in Rückenansicht beim Reinigen ihrer Scheiben. Ähnlich platzierte auch Caspar David Friedrich seine Frauen vor dem Fenster. Der Ausblick vermittelt über den Landschaftsausschnitt einen Eindruck der aktuellen Jahreszeit. Putzen und Malen geraten über den Auftrag einer Flüssigkeit und die gestischen Bewegungen bei ihrer Verteilung in unmittelbare Nachbarschaft, wenn nicht gar in Deckungsgleichheit. Während bei der gestischen Malerei in Grossformat am Ende aber ein schmuckes Bild für Galerie-, Büro-, Stubenwand bleibt, löst sich beim Fensterreinigen das Resultat in möglichst glasklarem Nichts auf. Je weniger «Malerei» sichtbar bleibt, desto qualitätsvoller ist die Arbeit. Und desto besser kommt die Landschaft als Natur-Kunst zur Geltung.
Zur Qualitätsoptimierung, aber auch, um die Entscheidungsverantwortung zu entlasten, erinnert Vera Marke an die althergebrachte Tradition des Mondkalenders. Für den Lista Office-Kalender greift sie statt auf das schmucke Grossformat auf Kriterien eines praktisch nutzbaren Kalenders, der sich am 1722 gegründeten Appenzeller Kalender und seinen minutiösen Angaben über Mond- und Sternenkonstellationen orientiert. Dabei erinnert sie sich der ursprünglichen Bedeutung des Kalenders: Neben der Bibel gilt er als frühestes Druckerzeugnis für das Volk. Er gibt Auskunft über Festtage und Messen, über das Wetter, er bietet Ratschläge für Haus und Feld, aber auch für den richtigen Zeitpunkt, Holz zu schlagen, Haare zu schneiden, Kinder zu baden, Warzen zu vertreiben. Der Kalendermacher muss über entsprechende astrologische Fähigkeiten verfügen, was die Kalenderei, die Arbeit des Kalendermachens seit der Aufklärung auch in Misskredit brachte.
Mit der sprichwörtlichen Verwendung der Redensart «Kalender machen» oder «kalendern», was so viel bedeutet wie «grübeln, seinen Gedanken nachhängen, über etwas nachsinnen», rückt die Tätigkeit in verblüffende Nähe zu jener der Kunst und des Künstlers, der Künstlerin, des Alchemisten, Philosophen und Forschers. Es empfiehlt sich, Fenster bei über sich gehendem Mond im Zeichen des Widders oder der Waage zu putzen, da unter diesen Konstellationen Wasser vom Mond angezogen wird und somit ein schmierfreies Trocknen eher gewährleistet ist. Die Entscheidungsfindung beim Fensterputzen als Teilzeit des Lebens ist somit augenzwinkernd aus der Hand gegeben.
Ausser die fürs Fensterputzen günstigen Tage, die von Hand markiert sind, ist der Kalender von Vera Marke frei von Terminen; und offen für die Planung unter Mitberücksichtigung der Kraft sphärischer Konstellationen. Das Kalendern ist eröffnet.
Ursula Badrutt. lic, phil. Kunsthistorikerin
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