Lienhard. Editionen. Kalender. Kunst.Ostschweiz
Kunstkalender 2009Judit Villiger
Die deutsche Übersetzung von Manfred Kottmann, Fischer Taschenbuch Verlag, 2003, wurde als Grundlage für die Jules Verne Zitate verwendet.
Fotos: Christoph Ullmann & Judit Villiger ausgehend von der Arbeit im Schulhaus Unterlöchli, Stadt Luzern, 2008
Künstliche Welten
Die phantastische Welt einer literarischen Vorlage, Jules Vernes «Reise zum Mittelpunkt der Erde», war für Judit Villiger Ausgangspunkt einer installativen Arbeit, die sie im Schulhaus Unterlöchli in Luzern realisiert hat. Dem Erzählstrang der Geschichte folgend, schuf sie in hohlen Podesten unter den Treppenläufen drei Guckkastenbühnen, die den Gang durch die Stockwerke des terrassierten Gebäudes zum Ab- beziehungsweise Aufstieg in eine mythische Unterwelt werden lassen. Das gleichsam Zyklische der Reise wird im Schulhaus durch die reale Bewegung des Betrachters nachvollzogen, der sich beim Hochsteigen der Treppe gewissermassen aus der Tiefe der Geschichte an den Anfang und Schlusspunkt zugleich begibt, also eine eigenständige Dynamik entfaltet, während nun, umgesetzt im kalendarischen Bilderbogen, die unverrückbare, stets sich wiederholende jahreszeitliche Abfolge den Rhythmus bestimmt, vorgegeben vom Lauf der Gestirne.
Der Weg zum Mittelpunkt der Erde führt laut Erzählung durch den Schlot eines Vulkans – und wie Jules Vernes Protagonisten beginnt auch Judit Villiger ihre Arbeit dort, wo die Geschichte den Einstiegs- und zugleich auch Austrittsort in die Unterwelt ansiedelt. Durch kreisförmige Gucklöcher blickt man von oben auf eine unwirtliche Vulkanlandschaft in geheimnisvollem Licht, auf rot glimmende Schlote, Korallenriffe und schroffe Felswände. Das heisst, wir sehen die perfekte Illusion einer Landschaft, gebildet aus Karton, Papier und WC-Rollen. Judit Villiger kokettiert mit diesem Material, denn im liebevollen Realismus ihrer Arbeit spiegelt sich auch stets die Künstlichkeit der Modellwelt, die sie uns auf den miniaturisierten Bühnen präsentiert. Schaut man länger in den Guckkasten, verwischen sich die Grössenrelationen allmählich und der Mikrokosmos erfährt eine Steigerung ins Monumentale, wobei dieses Empfinden im zweiten Bild eine literarische Entsprechung erhält: Während ihres Vordringens ins Erdinnere stossen die Wissenschaftler auf die Wildnis eines sagenhaften urzeitlichen Tertiärs und entdecken im Wald der Riesenpilze und meterhohen Farne Vertrautes in Formen, die sie in ihrer Wahrnehmung verunsichern. Von blauem Licht science-fiction-mässig verzaubert, sind die archaischen Pflanzen und mineralischen Grotten, das unterirdische Mittelmeer und die übrig gebliebenen Saurier in ausgetüfteltem Naturalismus mit denselben schlichten Materialien geformt, die auch in der Vulkanlandschaft vorherrschen. In der Nahsicht allerdings, wenn sich der Blick im Detail der ziselierten Felsvorsprünge und modellierten Hügelzüge verliert, wird die zerklüftete Felswand zum funkelnden Juwel, der Vulkanschlot zum fremdartigen Kristall, löst sich das Bild vom Erzählerischen und wird zum Kaleidoskop reiner Formen.
Wenn das Kulissenhafte der Inszenierung eine bewusste Reminiszenz der Künstlerin an die bekannteste Verfilmung des Romans ist, die Hollywood-Produktion von 1959, und in der letzten Station der Reise das sagenhafte Atlantis als antikisierende Architekturphantasie im Styropor der historischen Filmkulisse aufersteht, so zeigt uns Judit Villiger ihre Modelle als vielschichtige Bezugsebenen: Es sind Visualisierungen einer fiktionalen Vorlage, gespiegelt in einer Hollywood-Phantasie, die sich als märchenhaft-poetische Landschaft dem Betrachter nie ganz offenbart. Durch die Gucklöcher werden Einblicke gewährt, aber eine Übersicht verhindert, und automatisch beginnt man das vorgefundene Bild selbst zu vervollständigen. Und ganz nebenbei gibt uns Judit Villigers Arbeit zu verstehen, dass wir in der Kunst stets über den Bilderrahmen hinaus denken.
Gabrielle Boller
Fantastische Entdeckungsreisen in neue Welten wünschen Ihnen Familie Lienhard und die Mitarbeiter von lista office LO, Denz und interoffice für das Jahr 2009
Dank an: Gabrielle Boller, Isabell Bosshart, Karl Brassel, Marina Diaboha, Adrian Gabathuler, Sharon Kroska, Alexandrine Lantheaume, Regula Lienhard, Carla Renggli, Brigitte Schönenberger, Christoph Ullmann
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